Anerkannte Selbsthilfe

Kölner Selbsthilfe für Borderline-Angehörige erhält Urkunde von der Oberbürgermeisterin

Jedes Jahr verleiht die Stadt Köln den Ehrenamtspreis im Rahmen von „Köln Engagiert“, um die wichtige Arbeit der Ehrenamtler und Selbsthilfegruppen zu würdigen. Die „Kölner Selbsthilfe für Borderline-Angehörige“ (www.shg-borderline-angehoerige.de) hat sich in diesem Jahr beworben.

Leider hat sie keinen Preis bekommen, dafür aber eine Urkunde der Oberbürgermeisterin Kölns, Henriette Reker. In der Urkunde spricht die Stadt Köln ihren Dank und ihre Anerkennung für das Engagement der Selbsthilfegruppe aus.

Ein Vordruck, klar. Aber trotzdem wurde das Engagement wahrgenommen und wir machen weiter!

Foto: Kai Kreutzfeldt

Du bist ein schreckliches Kind

Münchhausen-by-proxy: Eine oft übersehene Kindesmisshandlung

Ihre Mutter machte Nina Blom 14 Jahre lang physisch und psychisch krank.

Foto: Kai Kreutzfeldt

„Man braucht nur ein wenig Fantasie und alle Schlösser öffnen sich.“

(Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen)

Ich bin im Zoom-Room und warte auf Nina Blom. Es gibt ein Zucken auf der schwarzen Leinwand und ich sehe, wie sich Nina einloggt. Eine Audioverbindung muss noch hergestellt werden und dann höre ich ein freundliches „Goedemorgen“. Vor mir sitzt Nina Blom, leider nur virtuell, deren Biografie ich vor kurzem gelesen habe. Ich kenne viele Seiten ihres Lebens, sie kennt mich überhaupt nicht. Meine Website ist auf Deutsch, was sie nicht versteht. Sie weiß nur, dass ich Heilpraktiker für Psychotherapie bin und sie für eine Lesung, am liebsten nach Köln, einladen möchte. Ihr freundlicher Blick und ihr offenes Lächeln schaffen sofort eine herzliche Atmosphäre.

Wir winken beide lächelnd in die Kamera und beginnen unser Gespräch. Natürlich hatten wir vorher ein paar Mal Kontakt auf LinkedIn und per E-Mail. Ich hatte mich vorgestellt und gesagt, warum ich mit ihr sprechen möchte.

Nina ist eine Überlebende ihrer Mutter, die am Münchhausen-by-Proxy-Syndrom litt. Eine subtile Art der Kindesmisshandlung, die anscheinend wegen ihres verharmlosenden Namens nicht so viel Aufmerksamkeit bekommt, wie sie sollte. Ich bin in den 1970er Jahren aufgewachsen und kenne den Baron von Münchhausen aus Märchen. Ein netter Mann, der sich Abenteuer ausdenkt, die er erlebt haben will und damit in der Gesellschaft mächtig für Aufmerksamkeit und Bewunderung sorgt. Und genau das wollte er: Bewunderung und Aufmerksamkeit. Doch da er selbst nicht Grund genug dafür war, erfand er abenteuerliche Geschichten und gewann so Gehör. Alles ganz harmlos und niemand kommt zu Schaden, wer seine Geschichten hört.

Ninas Mutter machte es fast genauso. Doch erfand sie keine Abenteuer, um Aufmerksamkeit zu erfahren, sondern sie erfand Krankheiten, die Nina nie hatte, redete sie ihr ein und zwang sie, den Ärzten Symptome vorzuspielen. Bloß nicht der Mutter widersprechen, denn diese wollte sich vor dem Arzt nicht blamieren!

Wie Münchhausen wollte auch Ninas Mutter Aufmerksamkeit und Bewunderung. Doch benutzte sie ihre Tochter dazu, indem sie sie krank machte und ihr jede Lebenskraft absprach. Bis diese tatsächlich eines Tages immer mehr verschwand.

Nina heute!
Foto: Facebookseite von Nina Blom

„Sag dem Doktor, dass du Schmerzen hast. Ich will mich nicht blamieren! Hörst du, was ich sage?“

Die Misshandlungen durch die Mutter begannen, als Nina erst ein paar Monate alt war. Das hat sie recherchieren können. Sie erinnert sich daran, dass ihre Mutter sie als kleines Kind besorgt ansah und sagte: „Du bist krank!“. Nina wurde in der Schule krankgemeldet, ihr wurden irgendwelche Medikamente verabreicht und Schmerzen in Armen und Beinen eingeredet. Diese musste sie als Kind den Ärzten immer wieder bestätigen, denn vorher wurde sie von ihrer Mutter gebrieft: „Sag dem Doktor, dass du Schmerzen hast. Ich will mich nicht blamieren! Hörst du, was ich sage?“

Irgendwann holte die Mutter Nina von der Schule ab und hatte die Lösung für Ninas vermeintliche Probleme. Zu Hause angekommen wickelte sie Ninas Arme in festgeschnürte Verbände. Ohne jeden medizinischen Grund. Von da an durfte Nina nicht mehr in die Schule gehen, ihre beste Freundin nicht mehr treffen und landete irgendwann im Rollstuhl.

Bis zu ihrem 14. Lebensjahr hatte Nina 16 Krankenhausaufnahmen und ging sogar auf eine Schule für körperbehinderte Kinder. Ihr Körper war aber völlig gesund und funktionsfähig. Doch durfte er nicht so fungieren, wie er sollte und verkümmerte. Als Jugendliche musste Nina ihre Körperfunktionen wieder kennenlernen und trainieren.

Der Kinderarzt als Retter

Es ist fast nicht zu glauben, aber als scheinbar überaus fürsorgliche und besorgte Mütter schaffen es Münchhausen-Mütter immer wieder, die Fachleute davon zu überzeugen, dass ihre Kinder schwer krank sind. Sobald ein Arzt Zweifel an der vermeintlichen Krankheit anmeldet, wird ein neuer Arzt gesucht. Das war bei Nina nicht anders. Nur weil ihr damaliger Kinderarzt so aufmerksam war, ihre Patientenakten genau las und die richtigen Schritte einleitete – nämlich Nina aus dem Elternhaus zu entfernen – konnte sie überleben. Zu der Zeit hieß es, dass sie keine Überlebenschancen hätte, was die Eltern einfach so hinnahmen, anstatt um das Überleben ihrer Tochter zu kämpfen.

Nina kam in Obhut und überlebte. Zum Glück.

Münchhausen-by-proxy ist kein Märchen

Quelle: http://www.ulrikearabella.de/

Der nette Name Münchhausen-Syndrom steht für eine schwere Form der Kindesmisshandlung. Diese wird oft übersehen, da die Kinder keine Beulen oder Hämatome aufweisen, wie es bei „üblichen“ Misshandlungen der Fall ist. Es sind meistens die Mütter selbst, die ihre Kinder zum Arzt oder ins Krankenhaus bringen; den Kindern unter Strafandrohung einbläuen, die Krankheiten bzw. Schmerzen zu bestätigen (wenn niemand zugegen ist) und sich vor den Medizinern als höchst besorgt darstellen. Wer würde einer solchen Mutter eine Misshandlung unterstellen?

Das macht es so schwer, die Misshandlung von echter Fürsorge zu unterscheiden. Hierbei ist es unter anderem lebensrettend, die Patientenakte des Kindes genau zu studieren, das Kind von der Mutter getrennt zu befragen und bei abwehrendem Verhalten des Kindes bzw. seiner ausgeprägten Loyalität zur Mutter besonders aufmerksam zu sein.

Hinweis: Es sind meistens die Mütter, die am Münchhausen-by-proxy-Syndrom leiden. Selten die Väter. Diese sind eher abwesend, haben kaum eine Beziehung zum Kind und unterstützen ihre Frauen, ohne irgendetwas zu hinterfragen.

Die Lesung „Du bist ein schreckliches Kind!“

Nina und ich haben fast eine Stunde per Zoom gesprochen. Sie hat mir erzählt, wie sie in den Niederlanden ihre Lesungen an Universitäten und Instituten für psychische Gesundheit hält. Meistens kommt sie gar nicht dazu, aus ihrem Buch zu lesen, da ihre Informationen vorab schon so viel Grundlage zur Diskussion bieten. So ist es ihr auch lieber, denn sie möchte mit dem Publikum in Kontakt treten. Fragen beantworten, ihre Erfahrungen spontan teilen. Der Austausch und die Aufklärung sind ihr wichtig. Das Buch kann man dann zu Hause lesen, auf Niederländisch oder Englisch.

Ich habe Nina eingeladen, im nächsten Jahr eine Lesung über das Münchhausen-by-proxy-Syndrom basierend auf ihrer Lebensgeschichte in Deutschland zu geben. Wo und wann werde ich noch bekanntgeben.

Nina ist eine Überlebende. Zum Glück! Und so viele andere können es auch sein!

Auf die eigenen Grenzen achten

Seit acht Jahren leite ich die Selbsthilfegruppe für Borderline-Angehörige, also für Menschen, die (fast) jeden Tag die Borderline-Persönlichkeitsstörung miterleben.

Viele Angehörige wissen oft nicht, was Borderline überhaupt bedeutet und wie sie sich am besten verhalten können, um den nahestehenden Menschen, der an dieser Erkrankung leidet, unterstützen zu können.

In diesem letzten Teil der Postcast-Trilogie der Eckhard Busch Stiftung zum Thema Borderline spreche ich von meinen eigenen Erfahrungen als damals co-abhängiger Partner und meinen Erfahrungen in der Selbsthilfegruppe.

Podcast Redseelig

Diagnose „Borderline“ – eher Hilfe als Schublade

„Ich habe die Diagnose erhalten und weiß jetzt, dass ich Borderliner bin“, diesen Satz habe ich schon oft von Menschen gehört, die an der Emotional instabilen Persönlichkeitsstörung Typ Borderline leiden. Die Diagnose benennt eine aktuell vorhandene psychische Situation der betroffenen Person. Die Reaktionen darauf sind sehr unterschiedlich. Einige sind erleichtert, haben sie nun endlich eine Erklärung für ihre wechselhafte Gefühlswelt und ihre – wie sie selbst empfinden – übertriebenen Reaktionen auf verschiedene Situationen, die sie sich selbst nicht erklären konnten. Andere wiederum empfinden diese Diagnose als Stempel und fühlen sich „gebrandmarkt“ in eine Schublade gesteckt.

Ich sehe die Diagnose als eine Hilfestellung an, die einem den Weg weisen kann, an sich zu arbeiten und die Situation zu ändern. Niemand mit dieser Diagnose ist „eine Borderlinerin/ein Borderliner“. Niemand IST das, was die Diagnose besagt, egal, um welche Krankheit oder Störung es sich handelt. Man HAT und LEIDET AN dem, was festgestellt wurde, in diesem Fall: Emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline (F60.31).

Im Podcast 19, Teil 2 der Eckhard Busch Stiftung spricht Reka Markus, Leitende Oberärztin der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotraumatologie an der LVR-Klinik Köln, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, DBT-Therapeutin (DDBT) und Spezielle Psychotraumatherapie (DeGPT) über die Diagnose „Borderline“ und deren Behandlungsmethoden und Heilungsmöglichkeiten.

Niemand muss mit dieser Störung in ihrem gesamten Ausmaß leben. Man kann dagegen angehen. Die mutmachenden Aussagen von Reka Markus für Betroffene und Angehörige gibt es hier zu hören:

https://redseelig.podigee.io/21-folge19_teil2

Don´t read it… hear it!

Mit diesem Beitrag will ich mich bestimmt nicht gegen lesen und Literatur aussprechen – das käme mir nie in den Sinn. Vielmehr will ich auf die wertvolle Ressource des Podcasts hinweisen.

Vor 20 Jahren war es in den deutschen „Öffis“ immer sehr still, weil die meisten Leute in Bücher oder Zeitungen vertieft waren. Heute ist es meistens still, weil viele ihre Kopfhörer im Ohr haben und Musik hören. Wie wäre es, während der Fahrt zur Arbeit, Uni etc. mal einen Podcast zu hören? 

Zum Beispiel den trialogischen Podcast „Redseelig“ der Eckhard Busch Stiftung rund um psychische Krisen, Erkrankungen und gegen das Stigma! Und die Gelegenheit nutzen, um Betroffenen, Angehörigen und Expert*innen zuzuhören.

Im aktuellen Podcast (Folge 19) erzählt Annika, die an der Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, wie es für sie war, die Diagnose zu erhalten und was sie daraus gemacht hat.

Dieser Podcast ist der erste einer Trilogie, die sich mit dem Thema Borderline-Persönlichkeitsstörung beschäftigt.

„Ich will nicht sterben…“

„…ich will nur, dass es aufhört!“

Man kann den Menschen nur vor den Kopf schauen…. heißt es im Allgemeinen. Das stimmt auch, denn vielen Menschen sieht man ihr Leid nicht an – so gut haben sie gelernt, es sich nicht anmerken zu lassen. Um funktionieren zu können, zwischenmenschliche Kontakte halten zu können, ist es oft nötig, sich eine Maske aufzusetzen, die dem Gegenüber sagt: es ist alles in Ordnung!

Doch im Innern der Person ist nichts in Ordnung. Da gibt es jahrelange Gewalterfahrung, die manchmal kein Ende nimmt, zerstörerische Selbstzweifel, Selbsthass, bodenlose Verzweiflung, ein unerträgliches Gefühl der Leere, fehlende Ich-Identität und keine Idee, wie das Leben überhaupt weitergehen könnte. Da ist die Qual, überhaupt zu leben.

Darüber mit Familie und Freunden zu reden ist schwer, weil diese oft mit der Wucht des unfassbaren Leids überfordert sind oder die akute Thematik als gar nicht so schlimm ansehen. Um Angehörige und Freunde zu schonen oder weil sie sich nicht ernstgenommen fühlen, denken viele – viel zu viele – daran, ihrem Leben ein Ende zu setzen (in Deutschland sind es statistisch gesehen jährlich 10.000 Menschen).

Vielen klingt es wie Hohn, wenn man sagt „das Leben ist ein Geschenk“. Dadurch wird eine Undankbarkeit oder gar Sünde suggeriert, wenn man dieses Geschenk nicht haben will – es nicht erträgt. Ich vermittele meinen Klient*innen lieber: „Das Leben bist du! Schön, dass du da bist. Und du bist es wert, da zu sein! Leid spürst du, weil man dir Unrecht angetan hat. Hol dir mit allem Recht zurück, was dein ist – dein Leben!“

Das schafft man aber nicht allein und so soll es ja auch nicht sein. Es gibt Hilfe, die man in Anspruch nehmen darf, so zum Beispiel beim Kölner Netzwerk für Suizidprävention. Hier gibt es viele Hilfsangebote – auch in Akutsituationen. Hier sind Menschen, die zuhören, mitfühlen und helfen. Ein Klick auf den Link – ein Anruf – lohnt sich. Das Kölner Netzwerk für Suizidprävention ist ein Zusammenschluss von derzeit acht Kölner Organisationen und Expert*innen aus dem Bereich seelische Gesundheit, Psychiatrie, Krisenhilfe sowie psychologische und und psychiatrische Versorgung/Betreuung. Das Ziel des Netzwerks ist, Menschen in psychischen Krisen sowie mit psychischen Erkrankungen und insbesondere in suizidalen Krisen zu unterstützen.

Pause von Papa

(Foto: https://locating-your-soul.de/pause-von-papa/)

Laras Vater leidet an der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Das ist schlimm für ihn. Vor allem, wenn er ein guter Vater sein will und seine Erkrankung ihm dabei immer wieder Steine in den Weg legt.

Wie geht es Lara?

Sie ist die Tochter von einem Mann, der emotional nicht stabil ist. Der seinen Kindern Versprechen gibt und sie nicht einhalten kann. Und Lara?

Lara muss erwachsen werden, obwohl sie noch ein Kind ist. Sie muss vernünftig bleiben und versucht, die Impulsivität ihres Vaters in die Bahnen zu lenken. Damit er nicht über die Stränge schlägt und zu viel Geld, was er nicht hat, für die Kinder ausgibt. Für Dinge, die sie nicht brauchen.

Lara wird erwachsen, will studieren und ihr eigenes Leben leben. Und ihr Papa?

Wie geht man als Kind eines an Borderline Erkrankten in dieser Situation um? In ihrem Artikel „Pause von Papa“ erzählt Lara ehrlich und mutig, was sie auf sich hat nehmen müssen, um Grenzen zu ziehen.

Heute ist Lara unter anderem Redakteurin der Initiative Locating your Soul. Hier schreiben und arbeiten 16 kluge Köpfe sowie der Redaktionshund Lilou für ein wunderbares Projekt der Unterstützung und Entstigmatisierung psychisch Kranker und deren Angehörigen. Auf der Website liest man: „Über psychische Erkrankungen zu sprechen ist nicht leicht. Viele Betroffene, ihre Angehörigen und Freunde werden mit Vorurteilen konfrontiert oder machen Stigmatisierungerfahrungen, wenn sie offen über ihre Situation reden.“

Aus dem Krieg in die Hölle

sanjeri/Getty Images

Über den Krieg, den Putin (und nicht Russland) begonnen hat, will ich mich hier nicht auslassen. Ich bin entsetzt, sprachlos und hoffe jeden Tag auf die Schlagzeile, dass der Krieg beendet ist.

Mit Gewalt in ein Land einzudringen, dem Volk des Landes jedes Bestimmungsrecht abzusprechen, es einer anderen Ideologie im „eigenen Haus“ zu unterwerfen und sich zu nehmen, was man will… das ist, was Krieg ausmacht. Das war schon immer so. Und Cäsar war sicher nicht der Erste. Eine unbegreifliche, vernichtende Gewalt ohne Rücksicht auf irgendwen; ausgehend von der Besessenheit und Macht eines Einzelnen oder einer Gruppe von Wenigen.

Man sollte meinen, dass diese Widerwärtigkeit nicht zu überbieten sei. Doch leider ist sie das. Denn noch widerwärtiger sind diejenigen, die sich der verzweifelten Situation der Kriegsopfer und Flüchtlinge bedienen. Die den Horror und die Verletzlichkeit derjenigen ausnutzen, die vor den Dämonen flüchten….und nun in die Hände der Teufel fallen.

Zurzeit kommen viele ukrainische Frauen in Polen und Deutschland an. Teils allein, teils mit ihren Kindern. Neben ehrlichen Menschen an der Grenze und am Bahnhof, die einfach nur helfen wollen, stehen da auch die Zuhälter. Auf der Jagd nach ukrainischen Frauen (die Nachfrage auf den Pornoseiten im Netz steigt) und, ja warum nicht, ihren Kindern.

In der EMMA gab es Anfang März schon einen Artikel über die Zuhälterei der Deutschen an der polnischen Grenze. Pädosexuelle Ringe fliegen hier und da auf, werden gesprengt und setzen alsbald ihre Scherben wieder zusammen. Geld hat so viel Macht! Besonders in Zeiten wie diesen, in denen es so einfach ist, traumatisierte Menschen auf der Suche nach Schutz und Sicherheit in die Falle zu locken.

Wie tief muss man gesunken sein, dass man die Grausamkeit seines eigenen Handelns nicht mehr erkennt?

Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) verstehen

Die Diagnose DIS – Dissoziative Identitätsstörung ruft bei den meisten Menschen Fragezeichen hervor. Eher bekannt ist sie ja bis heute noch als „multiple Persönlichkeit“.

Das Telefon klingelt, der Chef ruft an: „Ich erwarte Sie in einer halben Stunde in meinem Büro. Und dann erklären Sie mir Ihre zwei unentschuldigten Fehltage.“ Aber es gibt nichts zu erklären. Gestern war man noch in der Firma und nun soll man zwei Tage gefehlt haben? Ist das ein schlechter Scherz oder ist man dabei, verrückt zu werden?

Man schaut sich in der Wohnung um und bemerkt, dass diese völlig neu dekoriert wurde. Wann? Von wem? Und warum weist das Konto ein großes Minus auf?

Das kann passieren, wenn man Viele ist. Wenn die Seele sich schon früh bei andauernden traumatischen und lebensbedrohlichen Erlebnissen von Vernachlässigung und Qual vom Körper und dem grausamen Geschehen abspalten musste. Wenn sie neue Identitäten erschaffen musste, um zu überleben. Dann erscheint vielleicht die eine Persönlichkeit, die keine Schmerzen empfindet. Weil der Körper unbeschreibliche Qualen erleiden musste. Eine andere, die unter völliger Amnesie leidet, weil das einfacher ist, als die Wahrheit anzunehmen. Darüber hinaus gibt es die Alltagspersönlichkeit, die den Job schmeißt, einkaufen geht und vielleicht am Elternabend in der Schule ihrer Kinder teilnimmt. Oftmals weiß diese Alltagspersönlichkeit nichts von ihren „Mitstreitern“, die sich mit ihr den Körper teilen und helfen, diesen am Leben zu erhalten. Denn sie und der Körper sind ein System! Doch haben auch diese „Anderen“ ihre Bedürfnisse oder Befehle und übernehmen dann den Körper, wobei sie die Alltagspersönlichkeit verdrängen, sodass diese sich wegdissoziiert. Sich quasi in einen Winterschlaf begibt. Dieser eigentlich natürliche Überlebensmechanismus wird auch ganz bewusst von perversen Tätern, hauptsächlich im Rahmen der sexualisierten und rituellen Gewalt, in den Opfern geschaffen. Denn die Täter haben die Absicht, den „Körper“ für ihre Zwecke gefügig zu machen.

Zurück bleibt eine Person, ein Körper, für alle sichtbar, doch voller Persönlichkeiten, die in ihrem Moment von höchster Not nur erscheinen, um zu überleben. „Kommt es zu Erfahrungen, die die psychischen Verarbeitungsmöglichkeiten eines Kindes in extremer Weise überfordern, reagiert dieses bis zu einem Alter von 6 Jahren gewöhnlich mit dissoziativen Schutzmechanismen. Das Erleben spaltet sich auf und es können in der Folge Persönlichkeitsanteile entstehen, die nur schwer durch die Alltagspersönlichkeit kontrollierbar sind.“ (Zitat von Professor Dr. med. Martin Sack, Facharzt für Psychosomatische Medizin und leitender Oberarzt an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Klinikums rechts der Isar der TU München im Geleitwort für das Buch „Anne und die anderen“ von Christa Windmüller)

Zu oft noch wird die Diagnose DIS bei Behörden und Gerichten als Fantasie und Wichtigtuerei verurteilt, obwohl sie im DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders – Diagnostischer und Statistischer Leitfaden psychischer Störungen) oder dem ICD-11 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems – Internationale Klassifikation der Krankheiten), der seit dem 01. Januar 2022 gilt, aufgeführt ist.

Selbst für Betroffene ist es oft schwer, mit ihrem Leben im System „Viele sein“, umzugehen.

Anne hat genau das erlebt und mithilfe ihrer Therapeutin gelernt, ihr System kennenzulernen. Sodass die Vielen in ihr gelernt haben, sich gegenseitig zu helfen.

Anne ist nicht ihr richtiger Name. Aber sie war/sie waren eine Klientin von Christa Windmüller, die in ihrem Buch „Anne und die anderen“ beschreibt, wie Anne ihr System und somit ihren Alltag kennenlernte. Außerdem konnte sie viele Aspekte in ihr jetziges Leben integrieren.

Ich persönlich lese dieses aufklärende und spannende Buch nicht als einen Roman. Diese Bezeichnung ist auf dem Titelbild eher irreführend. Dadurch ist man verleitet, alles als Fiktion anzusehen. Leider ist das Leben von Anne Realität, was Viele bestätigen können. Das Buch ist vielmehr ein anonymisierter Therapiebericht, der eine Biografie enthüllt, die man sich nicht vorstellen möchte. Eine Biografie, der sich so oder ähnlich viele Viele irgendwann stellen müssen. Um das Grauen, das ihnen angetan wurde, verarbeiten zu können. Das Trauma anzuerkennen und zu integrieren, es an seinen Platz im Leben zu verweisen, ist der Weg zur Genesung. Dann können viele der Vielen zur Ruhe kommen. Und was sich so leicht liest, ist harte und jahrelange Arbeit. Aber auch das geht vorbei. Irgendwann, wenn man dran bleibt.

Gerade deshalb ist es wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

„Anne und die anderen“ ist meine Buchempfehlung für alle Professionellen, die sich mit der Diagnostik DIS befassen. Aber auch für all die Betroffenen, denen ihre eigene DIS noch nicht ganz klar ist. Für diese sei hier eine TRIGGERWARNUNG ausgesprochen!

Außerdem mein Wunsch zur Selbstfindung und zur Kraft, weiterzumachen und weiterzuleben. Das Schlimmste, was man den Tätern antun kann, ist, gesund zu werden. Das soll auf keinen Fall als Aufruf zum Rachefeldzug verstanden werden. Sondern als eine Motivation, nicht an dieser erlebten und unsagbaren Ungerechtigkeit zu verzweifeln! Es geht darum, sich selbst besser kennenzulernen und zu verstehen.

Fonds Sexueller Missbrauch: Neues Antragsverfahren soll schneller und einfacher sein

Eine gute Nachricht von der DPtV – Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung, die ich hier gerne veröffentliche.

„In Zukunft sollen Opfer sexueller Gewalt über den „Fonds Sexueller Missbrauch“ schneller entschädigt werden. Das teilte die Geschäftsstelle des Fonds mit. Nach einer Überarbeitung der „Leitlinie Fonds Sexueller Missbrauch“ sowie einer Neustrukturierung von Antragsformular und Website soll nun innerhalb von drei Monaten über die Anträge entschieden werden – bei Fällen in der Clearingstelle innerhalb von vier Monaten. Nach spätestens vier Wochen sollen zudem Rechnungen von Psychotherapeut*innen bearbeitet sein. Die DPtV hatte das Verwaltungsverfahren des Fonds wiederholt kritisiert.

„Wir dürfen Opfer sexueller Gewalt nicht im Stich lassen“, betont DPtV-Bundesvorsitzender Gebhard Hentschel. „Es war unzumutbar, dass sie Monate und Jahre auf Geld aus dem Hilfsfonds warten mussten. Wir begrüßen die Neustrukturierung und hoffen sehr, dass die heftigen Verzögerungen nun der Vergangenheit angehören.“ Auf der Website des Fonds ist nun auch eine ausführliche „Fragen und Antworten“-Sektion enthalten. Der „Fonds Sexueller Missbrauch“ ist ein Baustein des „Ergänzenden Hilfesystems“ (EHS). Betroffene, die im familiären Bereich sexualisierte Gewalt erlebt haben, können beim Fonds Hilfeleistungen bis zu 10.000 Euro beantragen.“ (Quelle: https://www.deutschepsychotherapeutenvereinigung.de/gesundheitspolitik/aktuelle-meldungen/news-bund/news/fonds-sexueller-missbrauch-neues-antragsverfahren-soll-schneller-und-einfacher-sein/)

Weitere Informationen und hilfreiche Links findet man hier: www.dptv.de