Vergeben und vergessen?

Das war das Thema im SWR Nachtcafé am 12.11.21. Wie geht man mit Erfahrungen größter Gewalt um? Sei es, dass man sie eventuell selbst verursacht hat; sei es, dass man ihrer Opfer wurde. Für mich stellt sich da immer die Frage der Intention. Es macht einen Unterschied, ob man einem anderen oder sich selbst Gewalt antut und diese als Konsequenz eines Unfalls (Interview: Claudia Fromme) oder der Unwissenheit bzw. Vertrauens (Interview: Gabriela Odermatt) geschieht. Oftmals hat hier die Ohnmacht die Weichen gelegt, weil man selbst gar nichts tun konnte, um die Gewalt abzuwenden.

Was Selbstverletzung angeht, sehe ich diese Form von Gewalt gegen sich selbst als einen dysfunktionalen Versuch der Problemlösung an, der nicht verurteilt werden sollte. Aber dieser Aspekt wird im aktuellen Nachtcafé nicht angesprochen.

Die andere Frage ist, ob man Gewalt vorsätzlich anwendet – im vollen Bewusstsein der destruktiven Folgen. Dabei geht es den Tätern letztendlich nur darum, angebliche Macht zu zeigen (Interview: Roland Augst) oder sich selbst zu retten (Interview: Jane König), wobei das Leid, die Zerstörung des anderen, billigend in Kauf genommen werden.

Muss man als Opfer dem Täter die Gewalt verzeihen? Diese Frage stand im Raum. Ich persönlich meine, dass man dies nicht tun muss. Verzeihen ist in manchen Religionen ein hohes Gebot und bringt daher manche Opfer in einen Konflikt. Doch finde ich, dass niemand dazu verpflichtet ist, seinem Angreifer zu verzeihen, wenn er in der schweren Arbeit steckt, dieses Erlebnis für sich zu bearbeiten (Traumaarbeit = realisieren und integrieren), um wieder einigermaßen gut leben zu können. Warum sollte sich solch ein Betroffener noch darum sorgen, dem Täter zu verzeihen?

Vergeben, verzeihen und vergessen – das ist ein sehr persönlicher Akt, der nur vollzogen werden kann, wenn man dazu bereit ist. Und die Bereitschaft, dies überhaupt zu tun, hängt von jedem selbst ab. Viel wichtiger ist es, Sicherheit zu erfahren, die erfahrene Gewalt zu verarbeiten und so gut es geht zur Ruhe zu kommen. Alles andere kommt danach. Ich frage mich, ob man erlebte Gewalt jemals vergessen kann.

Die Ausgabe „Vergeben und vergessen“ des SWR Nachtcafés ist in der Mediathek unter folgendem Link zu sehen:

https://www.ardmediathek.de/embed/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzE1NjQwMTE

2 Kommentare zu „Vergeben und vergessen?

  1. Der Meinung bin ich auch, das verzeihen und vergeben jedem
    selbst überlassen sein sollte. Leider wird von vielen Außenstehenden
    das aber erwartet.“ Vergib ihnen, dann geht es besser ‚z.B. Doch es
    gibt Dinge, die wir weder vergeben noch verzeihen oder gar vergessen können.

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    1. Das stimmt, aber vielleicht sollten wir daran arbeiten uns davon zu verabschieden was andere im außen meinen, was wir zu tun und zu lassen haben. Selbst wenn man verzeiht heißt das ja nicht, das man vergessen hat. Verzeiehn, verzeihen das andere das Leben kaputt gemacht haben? Macht es nicht auch einen Unterschied worum es geht, also was man verzeiehen kann, gibt es da nicht abstufungen>? Macht es einen Unterschied ob man etwas verzeiht was als Unfall passiert ist oder ob etwas über Jahre passiert ist im vollen wissen das die was da gemacht wird eben nicht richtig ist, spielt das einen Unterschied, wichtig ist doch das jeder seinen ganz eigenen Weg findet und was geht es außenstehende an wie man seinen weg geht, denn die im außen die laufen ja nicht in den Schuhen des betroffenen. Da hat man immer gut reden und jeder Mensch ist unterschiedlich der eine braucht das und der andere eben nicht. Für uns gibt es da kein richtig und kein falsch.

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